Frankfurter Rundschau vom 08.10.02

Hinaustreten
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Immerhin: Es gibt offenbar zwei grundlegend verschiedene Weisen, die Dinge von außen zu betrachten: "Gegen was seid denn ihr?" und "Für was seid denn ihr?" Aber von innen treffen beide nicht so recht. Das Medium ist die winzige Botschaft, da gibt's kein Dafür und kein Dagegen. Das schaut nur aus wie eine Demo, die Transparente sind spruch-, ja sogar symbolfrei. Daran ändert auch kein rotes Banner unter so vielen geblümten, karierten, rosanen, orangefarbenen und blauen. Keine Botschaft, außer, dass man halt unterwegs ist, mit diesen Transparenten, die man vorm Bockenheimer Depot in die Hand gedrückt bekommen hat.

Dabei ist das ja ein traditionsreicher Weg: Der Kettenhofweg, hier muss irgendwo doch das berühmte besetzte Haus sein, wo damals . . . der Beltz halt und der Joschka und der Heiner und . . . aber diese Demonstration will nicht einmal ein Zitat sein. Ein versprengtes Grüppchen, um das sich kaum einer kümmert. Und das brav Platz macht, wenn ein Auto kommt.

Wir sind die Botschaft, aber keine besonders laute. Und, ehrlich gesagt, auch keine besonders aufregende. "Querstraßen" nennt Bethy Rothe diesen sonntäglichen Schmalclub, der in dieser Reihe wohl das Flüggewerden symbolisiert. Hatte man neulich noch im Bockenheimer Depot eine wilde Party gefeiert, so etwas wie ein Auszugsfest, geht es nun hinaus in die weite Fankfurtwelt. Auf Umwegen, in "Querstraßen", sucht jede der drei Demo-Grüppchen ihren Weg zum Zooplatz auf Nebenstraßen. Das Aktionspotential der Demonstration als reines Symbol fürs Hinaustreten in die Öffentlichkeit. Wie auf der Suche nach einem neuen Domizil.

Das gibt es aber erst ab dem 21. Oktober, wenn für zwei Wochen im Alten Hauptzollamt der erste Schmalclub für den Alltag ins Leben gerufen wird. Dann sollen die Gäste des "Querstraßen"-Tages die Gastgeber sein. Ihre Freunde zu Spiel, Kochen und Ausruhen einladen.

Doch jetzt, beim Zooplatz angekommen, gibt es erst einmal Kuchen und Kaffee zum Mitnachhausenehmen und schon mal Gastgeberspielen. Richtig stringent ist diese Ideenfolge nicht; und wenn schon nicht wofür, dann wenigstens warum er nun eigentlich mit den Transparenten durch die Stadt gelaufen ist, das hätte dann doch mancher gern gewusst. Ein bisschen Situationismus-Zitat zur sonntäglichen Mittagszeit - etwas mehr hätte es schon sein dürfen. Gottseidank hat wenigstens eine Polizeistreife das Ganze zur Kenntnis genommen und sich freundlich interessiert.
FLORIAN MALZACHER



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Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 08.10.02

Ein belegtes Brot mit Schinken
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"Früher war schöner. Heute ist besser", heißt es in Kapielskis "Gottesbeweisen". Aber vielleicht ist es ja gerade umgekehrt. Wer in den siebziger und achtziger Jahren schon laufen konnte, hat bestimmt die eine oder andere Demonstration mitgemacht. Da wußte man noch wofür und wenn nicht, dann wenigstens gegen was. Heute ist anders. Und im Kunstkontext, so scheint es, bleibt davon nichts als Form. Betty Rothe hatte als Gastgeberin des 19. Schmalclubs alles vorbereitet. Da gab es Regencapes und Vitamintabletten, Tomatensaft, Schokolade oder Äpfel als Wegzehrung, und die Transparente für die Demo waren auch schon fertig.

Revolutionäres Rot, Blümchenmuster im Stil der Siebziger, gestreift oder kleinkariert gab es da, niedliche kleine Mäuschen im Blumenfeld und so allerlei, nur politische Botschaften suchte man vergeblich. Jeder durfte sich eins aussuchen, dazu jemanden, um es gemeinsam durch die Gegend zu tragen, und dann ging es fröhlich in drei Grüppchen vom Bockenheimer Depot in Richtung Zoo. Raus aus dem TAT, das kann man wörtlich nehmen. Der Schmalclub erobert die Stadt, denn schon der nächste, als Fortsetzung konzipiert, wird nicht mehr im Depot stattfinden. "Querstraßen" war das Thema der von der Offenbacher Hochschule für Gestaltung und dem Ballett Frankfurt ausgerichteten Veranstaltung, und so sollte es möglichst abseits der großen Straßen durch die Stadt gehen.

Um Wahrnehmungen also drehte sich vieles bei diesem Schmalclub, um eine veränderte Haltung gegenüber dem oder auch von seiten des urbanen Umfelds. Letztere äußerte sich so, daß am Ende auf einmal die von den Bürgern alarmierte Polizei auftauchte, um freundlich nach dem Rechten zu sehen. Doch mit Kunst waren sie sehr einverstanden. Viel mehr Irritation war nicht. Komisch war es allerdings schon, ausgerechnet mit Blümchenstoff durch das einst heißumkämpfte Frankfurter Westend mit Blick auf die Türme der Deutschen Bank zu ziehen. "Soll" und "Haben" - da kann man schon ins Grübeln kommen. Aber das war es dann auch erst einmal. Kein "Hopp, hopp, hopp", kein "Reiht euch ein" oder was der sinnigen Parolen einmal mehr waren, und die Aufmerksamkeit der Passanten hielt sich auch in Grenzen.

Einer der Teilnehmer versuchte es einmal schüchtern mit "Ein belegtes Brot mit Schinken, ein belegtes Brot mit Ei", und das entsprach tatsächlich der Stimmung: Wandertagsgefühle. So konnte man wenigstens miteinander ins Gespräch kommen, und das war es wohl auch, was die Künstlerin Betty Rothe über die Form hinaus vor allem interessierte. Eine eher leise Form der Gesellschaftsveränderung: Mikro- statt Makrokosmos. Denn am Ende verteilte sie freizügig Blümchen, Kaffee und Kuchen, auf daß sich lauter kleine spontane Runden bei nicht mehr so ganz wildfremden Menschen zusammenfänden. Schafft eins, zwei, drei viele Kaffeekränzchen. Mehr Kommunikation wagen. Keine Revolution, aber heute ist schöner. Oder so. SCHÜ