Frankfurter Rundschau vom 26.09.02

Abschiedsfest zum Selbermachen
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Nun also geht der Schmalclub in die letzte Runde - ein Abschied auf Raten: Bereits am kommenden Samstag findet er zum letzten Mal im Bockenheimer Depot statt, die nächsten erkunden den Stadtraum, bevor es mit dem allerletzten im April nächsten Jahres auf Deutschlandtour geht. "Der Schmalclub wird halt flügge", meint Patrick Koch von den Organisatoren. Immer wieder wurde ja, vor allem durch die zeichnerischen Motive von Martin Schwember, mit kindlichen Assoziationen gespielt. Aber jetzt ist der Schmalclub in der Pubertät. Und hat den Wunsch, das Haus zu verlassen.

Längst ist der Schmalclub ein Markenzeichen: Was im Januar 2000 als eher flaue Party begann, entwickelte sich rasch zu einem unverwechselbaren Spiel weniger für die Gäste als mit ihnen. Immer wieder mussten sie sich auf neue Situationen einlassen: als genießende Esser, als flanierende Lernende, als selbst Auftretende, als Reisende: Der Schmalclub erfand sie und sich stets neu.

Doch nach bald drei Jahren teils sehr großer Beteiligung haben sich in der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG), deren Studierende für die Reihe verantwortlich zeichnen, keine Nachfolger gefunden. Die immense Arbeit hat auf Dauer die meisten abgeschreckt, die wenigen Aktiven, die übrig geblieben sind, waren schon beim ersten dabei. Vier von ihnen machen nun ihr Diplom: Für Silke Bauer, Bernd Euler und Betty Rothe wird ihr jeweiliger Abschieds-Schmalclub auch Teil ihres Diploms sein. Auch für Patrick Koch ist der kommende Samstag unter dem Motto "Hier geht noch was" der Auftakt seiner Abschlussarbeit, in deren Mittelpunkt das "Prinzip Eigeninitiative" steht: Dass man handelt, sich auslebt und nicht immer nur denkt, das bringe doch eh nichts.

Dabei geht es ihm nicht um autistische Egotripps, sondern im Gegenteil um ein Miteinander. Um soziales Engagement, um oft ganz banale Alltagsdinge: Zum Beispiel seine Tageszeitung in der Straßenbahn liegen lassen, damit sie noch jemand lesen kann. Oder jemanden auf sein Jobticket mitnehmen. Oder aktiv seine Umwelt zu gestalten: "In den Bahntoiletten steht doch immer: Bitte verlassen Sie den Raum so, wie Sie ihn vorfinden möchten. Neulich hatte einer drunter geschrieben: Ich bin doch kein Innenarchitekt". Solche Entdeckungen interessieren Patrick Koch und sind eine Grundlage seines Projekts.

Denn diesen Aufforderungen könnte man doch Folge leisten; dazu möchte er motivieren: Ab dem 30. September eröffnet er im Kleinen Hirschgraben 14 sein Büro, "wo Leute ihre Dienste anbieten oder von ihren Ideen erzählen - oder vielleicht jemanden suchen, der mitmacht." Wie jene Frau, die auf Verkehrsinseln in der Stadt Wildblumen-Samen streut, um die Stadtbegrünung zu unterwandern. "Immer glauben alle, dass wir uns in einer Ohnmachtsposition befinden - das stimmt aber nicht, denn jeder einzelne kann sehr wohl was tun." So ist der 18. Schmalclub für ihn ein Auftakt und auch ein Test: Denn ein rauschendes Fest soll es werden. Aber eines, für das alles von den Gästen selbst mitgebracht werden muss. Was, das kann man im Internet nachlesen oder telefonisch erfragen: Ob Spiele, Getränke, Essen, Deko, Musik, bestimmte Ideen oder Fähigkeiten - ohne Eigeninitiative wird dieser Schmalclub nicht stattfinden.

Auch wenn es dem Perfektionisten Koch nicht in jeder Hinsicht leicht fällt, die Dinge aus der Hand zu geben. Vor allem, wenn Gäste ankündigen, Leuchtketten mit Blümchen beizusteuern: "Ich bin schon etwas aufgeregt. Denn normalerweise überlasse ich gestalterisch nur wenig dem Zufall." FLORIAN MALZACHER



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Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30.09.02

Dekorierte ICE-Toilette
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Bänke, Klappstühle und Tapeziertische stehen in der Saalmitte aufeinander gestapelt, an der Wand daneben leuchten ganze Körbe voller Kartoffeln, Schokolade, Sojasprossen, Pilze und Nudeln. Auf einer anderen Theke liegt Flohmarktware aus: ein Brotkorb, Bücher, Gummistiefel, Häkeldeckchen, ein Teeservice. Das Bockenheimer Depot gleicht an diesem Abend einem riesigen, kunterbunten Warenlager.

"Hier geht noch was" lautet das Motto des 18. Schmalclubs, zu dem das Ballett Frankfurt und die Offenbacher Hochschule für Gestaltung eingeladen haben. Die Teilnahme kostete die Besucher diesmal keinen Eintritt, dafür mußten sie aber irgendeinen anderen Beitrag - meist materieller Art - leisten. Auf Listen durften sie sich vorher aussuchen, ob sie lieber etwa Bier, Fanta oder Chips mitbringen oder mit einer kleinen Darbietung auf die Bühne steigen wollten.

Denn das gemeinsame Tun der Besucher ist an diesem Abend alles: Sie richten sich zusammen ihre Sitzecken ein, schneiden Gemüse, kochen, singen für die anderen ein Liedchen und organisieren die Tombola. Einer ist auch da, der einen Startrek-Film vorführt und darüber spricht. Überhaupt entwickelt sich rasch wieder ein großes Fest der kleinen Freuden: In einer Ecke wird Volleyball gespielt, eine Handvoll Leute amüsiert sich prächtig beim Gummihüpfen, eine Frau backt Waffeln.

Die "Idee vom gemeinschaftlichen Handeln" wollte HfG-Student Patrick Koch, der diesen Schmalclub ausgerichtet hat, seinen Gästen näherbringen. Seine Idee gibt sich bescheiden und träumt doch von einer nachhaltigen Veränderung des Bewußtseins des einzelnen: Jeder kann, erst recht mit der Hilfe von anderen, etwas auf die Beine stellen. Es handelt sich um eine Veränderung in kleinen Schritten, die an die Macht von Gesten glaubt, und die erreicht wird, indem jemand etwa an einer Stelle in der Stadt Blumensamen ausstreut, wo er gerne Blumen hätte, oder indem er den Hinweis, den Raum zu verlassen, wie er ihn gerne vorfände, einmal wörtlich nimmt und eine Toilette im ICE für den nächsten Benutzer schön dekoriert.

In der Reihe der Schmalclub-Veranstaltungen, die von Anfang an versuchten, die Besucher möglichst viel mitmachen zu lassen, bildet dieser Abend die logische Fortsetzung: Die Besucher müssen ihn nahezu selbst und gemeinschaftlich gestalten. Und zumindest in der abgeschlossenen Welt des Bockenheimer Depots klappt dies ja auch. Für einen Abend ist jeder Beitrag wichtig. KATHARINA DESCHKA