Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.06.02

Regen im Paradies
---------------------

Das Paradies liegt im Frankfurter Palmengarten. Zumindest an diesem Sonntag abend. Auf den von Blüten umsäumten Hügeln nahe am See sitzen überall friedliche Menschen auf Decken, die nur die Hand zu heben brauchen, und schon wird ihnen Wasser oder Kuchen gereicht. Zwar fliegen im Frankfurter Schlaraffenland keine gebratenen Tauben durch die Lüfte, und aus den Brunnen plätschert kein Wein. Doch auch wenn sie umherspazieren, müssen die Menschen nicht auf Süßigkeiten verzichten: An den Büschen und Bäumen stecken kleine Kuchen, die sie im Vorübergehen pflücken können.

Beim 17. Schmalclub mit dem rätselhaften Titel "Das Versprechen von Dr. Oetker", den die Studenten der Offenbacher Hochschule für Gestaltung im Auftrag des Balletts Frankfurt ausgerichtet haben, durften sich die Gäste diesmal als Auserwählte fühlen. Vor dem Bockenheimer Depot bekommt jeder eine Decke in die Hand gedrückt, um dann in einer langen Prozession in Richtung Palmengarten zu wandern. Vor der Konzertmuschel muß die exklusive Gesellschaft ihre Schuhe gegen - offensichtlich selbstgebastelte - Schlappen aus Pappkarton tauschen. Jeder Anwärter auf die Glückseligkeit wird überaus herzlich in die Gemeinschaft aufgenommen, wird umarmt und mit den Worten "Sei willkommen, Schwester; sei willkommen, Bruder" begrüßt.

Liebreizende Mädchen mit wehenden Kleidern singen, läuten Glöckchen oder spielen auf der Wiese mit den Besuchern Seilhüpfen und Blindekuh - Friede und Freude, wohin man blickt. Ein zuckersüßes Bild vom idealen Zustand haben Verónica Aguilera, Julia Diehl, Tania Lescano und Marc Nothelfer inszeniert, das den Kitsch unbekümmert einsetzt und vor allem an die pastellfarbenen Broschüren der Zeugen Jehovas erinnert: "Welch eine Freude und Einheit in dem paradiesischen Park! Nur frohe Menschen überall."

Zum Glück streunen da noch die neugierigen Touristen, ebenfalls dargestellt von Offenbacher Studenten, über die Wiesen des Gartens Eden. Denen baumeln die Kameras auf dem Bauch, sie tragen häßliche kurze Hosen, bequeme Sandalen mit weißen Socken und stellen nervende Fragen - ein erfrischendes Gegenstück zu dem ganzen glückseligen Treiben. Denn schon sehr bald wird diese Insel der Seligen mit all ihrer Harmonie, klebrigen Süßigkeit und aufdringlichen Unbeschwertheit langweilig, und all die fröhlichen Menschen sind so wenig zu ertragen, daß man laut dazwischengehen möchte und sich danach sehnt, Unruhe zu stiften. Aber das ist gar nicht nötig, denn mit den Regentropfen dringt etwas von der Härte des Lebens wieder ins Bewußtsein: Es gibt kein Zurück ins Paradies, und vielleicht hat das ja auch etwas für sich. KATHARINA DESCHKA