Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15.02.02

Mitmachen wäre besser
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"This evening is dedicated to Jérôme Bel", heißt es am Anfang. Nun ja, nach drei Stunden Üben kann man nicht dessen "The show must go on" produzieren. Aber nett ist es schon, wie die eifrigen Freiwilligen mit ihren numerierten T-Shirts versuchen, cool oder witzig über die Bühne zu schlendern. Noch netter, wenn man einige der Leute kennt, die plötzlich zwischen Seifenblasen spazieren oder sich verbeugen müssen. Dazu laufen, orientiert an Bels Stück, das im vergangenen Jahr auch im Mousonturm gezeigt wurde, Songs aus 30 Jahren Popgeschichte, die jeder kennt und zu denen kleine Geschichten erzählt werden. Die sind allerdings lange nicht so witzig und abgründig wie diejenigen Bels. Manche Szenen laufen nach dem einfachen Fitneßcenter-Modell ab: Einer tanzt vor, die anderen wursteln sich so durch. Anderes ist szenisch besser ausgearbeitet. Dafür können die 50 Leute nichts, die sich nicht zu schade waren, auf der Bühne Tanzeinlagen vorzuführen.

Daß dem 15. Schmalclub ein wenig die Überzeugungskraft fehlt, liegt wohl eher daran, daß die Macher sich nicht so ganz einig waren, was nun eigentlich gezeigt oder erzählt werden soll. Und daß man "The show must go on" nicht einfach als ein Erfolgsrezept kopieren kann. So können sich zwar alle Freunde des Schmalclubs freuen über die wie immer ungebrochene Bereitschaft aller, gemeinsam Kunst aus eigener Herstellung zu produzieren. Für die Besucher von Schmalclub 14, die "Alices", ist's der schiere Spaß. Doch nur einige wenige Bilder können die Schmalclubber 15, die "Ellens", wirklich vom Hocker reißen: Der gemeinsame Siebziger-Jahre- Blütentraum mit zwei herzallerliebst als Elfen ausstaffierten Schmalclubbern und der kollektive Schlaf am Ende des Stücks.

Doch das bloße Zuschauen reicht eingefleischten Schmalclubbern nicht ganz. Sie schwenken brav ihre Feuerzeuge zu den Lovesongs auf der Bühne, was sogleich strengstens verboten wird. Vielleicht dürfen beim nächsten Mal ja wieder alle mitmachen. Das wäre auch nur fair. Denn der Schmalclub besteht nun mal zum großen Teil aus dem gemeinsamen Tun und der Kommunikation darüber. EVA-MARIA MAGEL

 

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Frankfurter Rundschau vom 15.02.02

Ahnungslos zum Star
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Der gespielte Pop-Song: Gleich zwei Schmalclubs an einem Abend im Bockenheimer Depot

Theater, das ist, wenn manche im Hellen stehen und andere im Dunklen sitzen. Die einen spielen, die anderen schauen. So einfach.
Auf welcher Seite man landet, dürfte meist biografische Gründe haben, manchmal ist es aber auch nur eine Frage der Uhrzeit. 19 Uhr 30 zum Beispiel bedeutet vielleicht den Beginn einer Bühnenlaufbahn. 22 Uhr 30 bedeutet einfach nur: Zuschauer. Aber wissen kann man das vorher nicht.
Denn der freie Wille gehört offenkundig nicht zu den Dingen, die von den Organisatoren des Schmalclubs – allesamt Studierende der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG) – besonders geschätzt werden, das haben sie in der Vergangenheit oft bewiesen. Was sie reizt, ist vielmehr das Spiel mit der Manipulation, mit der kalkulierten Überraschung. Experimente mit den Zuschauern, die Überlegenheit des mehr Wissenden. Letztlich also eine Art knallhartes Regietheater mit dem Publikum als Darsteller. So einfach mit dem Hellen und dem Dunklen ist es beim Schmalclub eben nicht.

Die Idee der zwei hintereinander liegenden Clubs im Bockenheimer Depot mit den Namen "Alice" und "Ellen" (Kessler?) ist also nur konsequent: Schwung 1, rund fünfzig Leute, wird ahnungslos komplett gecasted und hat gut zwei Stunden Zeit, die Choreografie zu begreifen, die sich Regine Eckel, Bernd Euler, Tanja Jesek, Patrick Koch und Tina Kohlmann vorher ausgedacht haben und die Charly Hübner vom TAT mit ihnen im Schnelldurchlauf einstudiert. Denn um halb elf kommen schon die anderen, weitaus mehr, ein Zuschauerraum voll eben, wie sich das gehört. Auch ahnungslos, aber außer Gefahr.

Das Konzept der Choreografie, die es dann zu sehen gibt, ist zwar geklaut – von Jérôme Bels großartigem Abend The Show must go on – oder sagen wir geliehen. Aber zurecht. Denn das Prinzip ist so simpel wie schlagend: Der gespielte Pop-Song.
Ein Lied nach dem anderen, teils tief aus der Jugendmottenkiste der 80er. Dazu jeweils eine prägnante choreografische Idee. Teils überzeugend und klar wie Kraftwerks Klassiker vom gutaussehenden Model als Vorstellungsrunde: Einer nach dem anderen – ganz fünfzig sind es nicht mehr, ein paar wenige haben sich wohl doch verdrückt – tritt kurz in den Lichtkegel eines Spots, eine kurze Geste zur Vorstellung und weiter. Nummer für Nummer, erkennbar an den Zahlen auf ihren je anders gestalteten T-Shirts. Gerade diese sorgfältigen Details sind es, die den Schmalclub ausmachen, manchmal mehr als die übergeordneten Themen- Ideen.
Die Regieeinfälle sind unterschiedlich stark, meist nicht sonderlich – wie kann man Bowies Major Tom so verschenken! – aber letztlich lebt das Ganze eh vom Sehen und Gesehen werden. Einmal ein Star für einen Abend. Und seine Freunde auf der Bühne sehen. Offenbach macht Theater für Offenbach, auch das gehört ein bisschen zum Prinzip des Schmalclubs.

Nach Jazz Dance zu den Jackson Five und einer sehr schönen Sterbe- Nummer zu Björks It’s oh so quiet ist dann All over now, Baby Blue – und einer nach dem anderen erhebt sich wieder, zieht das T-Shirt mit der Nummer symbolträchtig vom Leib, lässt sich noch einmal zum Applaus anweisen und trinkt dann – in neu gewonnener Freiheit – gänzlich uninszeniert sein Bier im Foyer. Vielleicht doch nicht gänzlich uninszeniert: Die Premierenfeier gehört schließlich zum Konzept. FLORIAN MALZACHER

 

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Frankfurter Neue Presse vom 15.02.02

Die spontane Alice traf auf die sinnliche Ellen
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"Schmalclub 14 (Alice)/15 (Ellen)" überraschte seine studentische Klientel in Frankfurts TAT-Depot mit einem Musical zum Selbermachen.

Wer damit liebäugelte, dem Situativkunst-Doppelwhopper beizuwohnen, wusste aus der Plakatierung, dass "aus technischen Gründen" zwischen dem frühen Abend ("Alice") und der späten Stunde ("Ellen") zu wählen wäre. Die Alices produzierten auf der Bühne nämlich das, was die Ellens als Zuschauer rezipieren sollten – darum hatte man als Wahlhilfe vorab die Steckbriefe "spontan – locker – witzig: dann Alice" und "tolerant – genussfreudig – sinnlich: dann Ellen" ausgegeben. Eine im Prinzip recht hübsche und originelle Idee.

Um sie umzusetzen, teilten die Ideengeber der Hochschule für Gestaltung Offenbach und des TAT (Patrick Koch, Valerie Sietzky, Christian Tschirner und andere) die knapp 50 durchnummerierten Teilnehmer in "Sterne", "Herzen" und "Sonnen" auf. Mit diesen Gruppen übten sie sodann unter allgemeiner Verlustierung kleine Bewegungsfolgen, Gänge, Fallen, Tanzschritte und Gesten ein.

Begleitet von Musikkonserven ("Das Model" von Kraftwerk, Songs von "Take That", "Blondie", Karen Carpenter...), setzten sie die so erarbeiteten "Module" sodann in einem Rutsch zur Stell- , Licht- , Haupt- und Generalprobe zusammen.

Ein wenig geschwätzig, mit viel Bühnenkauderwelsch und unmäßig positiver Verstärkung ("Super, Nummer 8!") kümmerte sich ein Zwitterwesen aus Regisseur, Modefotograf und Animateur über Mikro darum, alles zu dirigieren, wobei er strikt nach Zeitplan und Vorbereitung vorging. Am Ende fügten sich die Bestandteile, oh Wunder, zu so etwas wie einer Musicalstory zusammen, mit Soli ("Traut euch alles!") und Pantomimen, Balzverhalten auf Elvis’ "Fever" und Gewinke ("Einmal kitschig sein..."), "Valeries Danceshow" und einer Art Opernfinale, bestehend aus Björks schläfrig-marilyneskem "It’s oh so quiet" und Bob Dylans "It’s all over now" in der "Stones"-Version.

"Theater gespielt zu haben", ohne dafür in die Komparserie des Stadttheaters Detmold zu müssen, bereitete allgemein Spaß, erfüllte also seinen Zweck. Den Kritiker erinnerte das Zeitraffertheater vage an Emma Lou Thomas’ Tanzseminar mit Erstsemester-Theaterstudenten: und weit deutlicher an ein szenisches "Malen mit Zahlen". Autsch. Die "Ist-das- Kunst?"-Frage sei für diesmal umschifft; fruchtlos ist sie sowieso, unhöflich wäre sie außerdem. MARCUS HLADEK