Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30.05.01

Ahnung von der Freundlichkeit
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Die "Goldküste", so der Titel des 11. Schmalclubs, liegt nicht in einem fernen Land. Schon früher lag ja der Strand unter dem Pflaster - vor allem in Bockenheim und im Westend. Diesmal ging es nicht ins Bockenheimer Depot, sondern wie in Anlehnung an das Motto des bevorstehenden Kirchentages, "Du stellst meine Füße auf weiten Raum", hinaus in diese anliegenden Stadtgebiete. Und der Wettergott spielte wunderbar mit, der Abend war so golden wie sein Titel.

Aufgeteilt in Gruppen zu je zehn Personen, die nach Art der Schnitzeljagd ihre nächste Station anhand von mehr oder weniger rätselhaften Hinweisen erst ausfindig machen mußten, ging es zunächst für alle Gruppen der Reihe nach hinauf auf die Bockenheimer Warte. Da wollte man doch auch schon immer mal rein. Doch anstatt eines freien Ausblicks bekam man oben das unscharfe Landschafts-Bild einer Camera obscura geboten, deren Lichtöffnung auf den Ginnheimer Fernsehturm gerichtet war. Erst Stunden später, nach vielen überraschenden Stationen, Begegnungen mit anderen Gruppen und kurzen Zwischen-Fahrten in der Stretch-Limousine, dem Krankentransporter oder im englischen Taxi wurde klar, daß damit der Zielpunkt aller Gruppen angezeigt war: das neue Gebäude des internationalen "Net Management Center" der Telekom neben dem Fernsehturm. Zum Schluß konnte man sich dort bei eritreischem Essen und in einer Chill-out-Zone von der Reise erholen, um dann gestärkt dem Riesenbildschirm ins Auge zu sehen, auf dem das weltweite Telefonnetz der Telekom mit allen Küsten der Welt dargestellt ist.

Die Stationen waren so zahlreich wie vielfältig und wie immer bestens organisiert. Beispielhaft seien genannt: das Schlaflabor, der Baucontainer, das Hotelzimmer und die detektivische Frage, das Puppenspiel in der psychologischen Praxis (vom Mädchen und den Goldtalern), das Sirtaki-Tanzen im Seniorenzentrum, das Polka-Tanzen mit Damen- beziehungsweise Herrenwahl im Park, das Punk-Konzert hinter der Bundesbank, die Häschenlieder aus der Erdgeschoßwohnung, das Brautmoden- und das Friseurgeschäft.

Danach sahen die Teilnehmer ihre Stadt mit anderen Augen. Denn diese Aufzählung mag nach Gute-Laune-Event in der Spaßgesellschaft klingen. Doch das Urbane - etwa die Begegnung mit Fremden in der Gruppe - und das beiläufig Künstlerische - wie die durchdachte thematische Verklammerung von Anfang und Ende - machen den Schmalclub zu einer Form von aufgeklärtem Entertainment. Zu einer situativen Kunstform, die den Übergang von der Werk- zur Interaktionsästhetik vollzogen hat. Die Goldküste war an diesem Abend die Ahnung von der Freundlichkeit der Welt. HUBERT BECK


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Frankfurter Neue Presse vom 28.05.01

Verwirrung in der Sommernacht
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Das Woerterbuch bestimmt die Schnitzeljagd als "sportliches Waldlaufspiel". In der Tat kartografierte "Schmalclub 11: Goldkueste" am Wochenende einen Geisterwald ueber Frankfurts Strassen. Es begann hoch metaphorisch im Innern der Bockenheimer Warte: Dank "Camera obscura" stand die Welt fuer alle auf dem Kopf. Hernach brachen brachen die rund 280 Teilnehmer in 28 Gruppen auf, mit den Spuernasen auf vier Faehrten. Dass einige vor Ginnheimer Spargeln bald den Wald nicht mehr sahen, sei aus erster Hand versichert. Verwirrung in sommerlichen Waeldern hat ja Theatertradition.
"Schmalclub" nennen Offenbacher Studenten die Veranstaltungen, mit denen sie vom TAT aus Mal um Mal den Kunst- mit dem Party-Faktor austarieren. Auflage 11, "Goldkueste" (gedeichselt von Susanne Kessler, Celestine Hennermann und anderen), spielte im Motto auf das Konsulatsviertel an. Ausgelegt waren die Spuren im Zickzack zwischen der Warte am TAT und dem futuristischen Telekom-Haus am "Funkspargel", dem Ziel. Gold gab es als Schoko-Sterntaler beim Puppenspiel, im Haus einer Psychologin am Rapunzelturm, Schnitzel oder kulinarisch Gleichwertiges erwarteten den Irrgarten-Fan zuletzt; vom Dramatiker Arthur Schnitzel, dem einmal ein Zeitungsfeuilleton in Italien zum Leben verhalf, fehlte dagegen jede Spur.

Wenige Schritte abseits gewohnter Pfade brachten die Teilnehmer ueber Stock und Leiter zu ihren Abenteuern. Fuer die Elite der "roten Schlammhuepfer" begann es mit dem "Irish Shop" (Leipziger 35). Es folgten ein Moebelladen (Filmraetsel), eine Altenstaette (Tanzunterricht), ein Sporttreff (Schach mit Profis!), Polkatanz auf der Rollschuhbahn (na ja) und die Fahrt zur Psychologin, die nun wohl faellig war. Die Donuts in der anglikanischen Kirchengemeinde verleibten sich Schlammhuepfer-Beuteritter einfach als leckeres Pluendergut ein. Letzte Schritte trugen kurz vor Mitternacht in die hyperboraeischen (Nord-)Gefilde. MARCUS HLADEK