Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17.05.00

Kathedrale in der Schachtel
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Als der Sattelschlepper auf der Wiese am Bockenheimer Depot gegenüber der Neuen Mensa stand, fragte man sich, ob der große Exodus der Universität aus Bockenheim und dem Westend jetzt schon beginnt. Und was wird eigentlich aus dem Stadtteil, wenn die so genannten Buchwissenschaften im IG Farbenhaus untergebracht sind? Dann kommen eben die Offenbacher. Abends haben die Offenbacher, also Heiner Blum und seine Studenten der Hochschule für Gestaltung (HfG), den Bockenheimern nämlich gezeigt, wie es geht.

Der Truck war Bestandteil des "5. schmalclub", einer Zusammenarbeit des TAT Frankfurt und der HfG Offenbach. In heutiger "Business-Speech" würde man von einer strategischen Allianz in der Hoffnung auf Synergieeffekte sprechen: Forsythe stellt den Offenbachern einmal im Monat Teile des Depots (daher das Schmal vor dem Club) als Spielwiese zur Verfügung, zieht damit junge Leute in sein Haus, markiert den Ort für andere Szenen und belebt den Stadtteil. Die Hochschüler können im Sinne des Learning by Doing unterschiedliche Gestaltungsprojekte entwickeln und gesamtkunstwerklerisch ausprobieren, wie das geht mit der Öffentlichkeit - und dabei (nach getaner Arbeit) noch jede Menge Party-Spaß haben.

So stand der Clubabend diesmal unter dem Motto "cargo" und war eine Mischung aus Akademie-Fete, Western-Fest, Grillen auf dem Rastplatz, Rauminstallation und mehreren musikalischen Live-Acts. Und nachdem bei herrlichem Wetter die entzückende "ja!-Band" ihren ersten Auftritt hatte, war klar, das wird ein wunderbarer Abend. "Let's get small", hatte Steve Martin in den späten siebziger Jahren geulkt, einer Zeit, als "small" noch "beautiful" war. Ein Groß-klein- und Innen-außen-Effekt war das zentrale Element der Gesamtinszenierung, die wie eine Erkundungsreise durch die Container-Welt der Popkultur angelegt war. In dem begehbaren Sattelcontainer des Lasters standen auf Palettenstapeln alle möglichen Verpackungen von Getränken und Nahrungsmitteln, die aber aufwendig nach Art eines Kaleidoskops ein jeweils ganz anderes Innenleben erhalten hatten. Also etwa das Interieur einer Kathedrale in einer Cornflakes-Box, in die durch kleine Löcher Licht hereinfiel. Der bespielte Teil des Innenraums im TAT war nun wie das dunkle Innere einer solchen Box - wieder mit den Stapeln von Paletten - hergerichtet, so dass man selbst zu dem Märklin-Männchen wurde, das man vorher in dem hellen sphärischen Raum des McDonald's-Softdrink-Bechers gesehen hatte. Wie Arthur Danto kommen wir wohl einfach nicht aus der Brillo Box heraus.

Zu dieser Einsicht passten die melancholischen Klänge der aufgeklärten "Blood on the Honky Tonk Floor"-Country-Band, einer Musik, die in ihrem Mutterland als einzige noch Reste des Authentischen zu bewahren scheint. Und das alles quasi auf dem Kopf des Frankfurter Gelehrten Alfred Schmidt, der in der U-Bahn-Station unter dem Truck auf dem Foto von Barbara Klemm abgebildet ist, wie er den Studenten den Unterschied zwischen "antiquarischer" und "kritischer Historie" erläutert. Es war, wie gesagt, eine sehr vergnügliche Veranstaltung, die selbst einen (Ex?- )Junkie und Zaungast inspirierte, mitzuteilen, dass er von übermorgen an wieder eine feste Arbeit und das Lotterleben ein Ende habe. Welcome to Bockenheim! HUBERT BECK


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Frankfurter Rundschau vom 17.05.00

Tetra-Kunst
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Die Kunst steckt diesmal in der Euro-Palette: schön gestapelt zum DJ- Pult und eingefasst von mannshohem Absperrgitter, das das Bockenheimer Depot in Frankfurt in einen gewundenen Laufstall verwandelt. Ein nettes buntes Video mit schwebenden Containern zeigt, dass es diesmal um "Cargo" geht – immer schön reingepackt in die enge Lücke. Draußen vor der Tür wartet ein langschwänziger Truck der Baureihe Macho-Glück und lässt sich in die Ladeöffnung gucken, wo Tetra-Packs rumgereicht werden, und auch da ist Kunst drin.

Die "schmalclub"-Mitglieder sind an den Hustenbonbon-bläulichen T- Shirts zu erkennen, auf denen "schmal" steht, und die es auch mit Spaghettiträgern gibt. Auf dem Rasen spielt die Country-Band ("Ric y Martin"), die Eisentonne brennt wie im Wildwest-Vorstadtghetto, und hinten werden kräftige Steaks gegrillt. Bier kommt aus der Büchse, Capri- Sonne – Sorte Apfel – aus dem Alu-Tütchen, der Bauchladen-Verkäufer mit Zigaretten, Zahnbürsten, Kaugummis und Kondomen ist sehr reizend. Die Trucker braten sich eins auf dem Gaskocher, und weil auch auf der Wiese alles eingezäunt ist, sieht’s beim Depot von der Straße aus wie ein Straflager für Aktionskunst. Könnt auch ein Wanderzirkus sein. fuh

 

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Frankfurter Neue Presse vom 18.05.00

Auch Verpackungen haben ein Recht auf Innenleben
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Der Weg zum 5. Schmalclub fuehrt ueber einen schmalen "Teppich" aus auseinandergefalteten Tetrapack-Packungen, vorbei an Euro-Paletten hinein ins TAT. Cargo heisst das Thema: Verpackung. Nicht abwegig scheint da die Idee, einen Film ueber Container, die ein Kran versetzt, zu drehen. Es ist ein Spiel mit Farben, Ordnung und Bewegung, die den aus aller Herren Laender stammenden Containern ein wenig die Schwere nehmen. Ein anderer Film zeigt zwei junge Frauen, die vor einem Supermarkt Leute abfangen, um zu versuchen, mit ihnen Waren aus dem Einkaufswagen zu tauschen. Huebsch die Idee, leeren Verpackungen ein Innenleben zu verpassen, das man in einem Lkw durch kleine Loecher unter guenstigem Lichteinfall sehen kann. Viel mehr ist aber nicht. Dann locken die Klaenge von "Blood On The Honky Tonky Floor", die nach "Leningrad Cowboys" klingen, nach draussen. So richtig passen sie nicht zum zuvor Gesehenen. Und zum Thema Cargo? Na ja, Trucker-Musik vielleicht. Bei der kurzen Tanzeinlage der Cargo-Girls ist die Grenze zwischen Spass und Peinlichkeit fliessend. Irgendwann faengt dann die Party mit Club-Musik richtig an - wahrscheinlich ging's eigentlich nur darum. (Bis)